Corona Con Noi – Warum Geisterspiele eine schlechte Idee sind

Seit über einem Monat ruht der Ball mittlerweile in den deutschen Stadien und es stellt sich die Frage, wie geht es jetzt weiter? 

Aus rein gesellschaftlicher Perspektive sollte diese Frage mehr als einfach zu beantworten sein. Der Fußball, egal ob als Spieler*in oder Fan, ist ein wichtiger Bezugspunkt im Leben vieler Menschen und es bricht vielen das Herz, der schönsten Nebensache der Welt nicht mehr nachgehen zu können. Denn genau das ist Fußball trotz alledem, eine Nebensache. Eine Nebensache, die in Zeiten wie diesen einfach keine all zu hohe Priorität genießen sollte. Es könnte also alles so einfach sein, wenn da nicht wieder dieses leidige Thema mit den wirtschaftlichen Aspekten des Profisports wäre. Zurzeit ist wieder einmal deutlich zu erkennen, wie durchkapitalisiert der Fußball ist. Gelder von Morgen wurden gestern schon in neues Humankapital investiert, um einen noch größeren Gewinn zu erzielen. Klar, dass der Coronavirus die schwachen Beine dieses Systems mit einer gekonnten Blutgrätsche zu Fall brachte.

Dass die Auswüchse des Kapitalismus vor allem in den oberen Fußball-Ligen zum Vorschein kommen, sollte sich unlängst  durch die Debatte um Dietmar Hopp gezeigt haben. Da es sich hierbei um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, wird es der Problematik nicht gerecht von einer vermeintlichen Kommerzialisierung des Fußballsports zu sprechen. Denn dass der Kapitalismus eine Wirtschaftsform ist, welche aufgrund ihres stetigen  Wachstumszwangs nicht zum nachhaltigen Wirtschaften einlädt, zeigt sich grade auch an anderen Ecken der systemrelevanten Berufe, allen voran dem Pflegesektor, welcher von prekären Arbeitsverhältnissen und hohem Leistungsdruck geprägt ist. 

Natürlich muss in dieser Debatte anerkannt werden, dass unserer aller Lieblingsvereine nicht mehr der romantisierten Vorstellung eines, von der Organisationsfreiheit geschützten, Zusammenschluss von Menschen entspricht. Sie sind nunmehr kapitalistische Unternehmen, welche im Wettkampf bestehen und zum Abschluss der Saison eine positive Bilanz aufweisen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und weiterhin Profit zu generieren. Ein Aussetzen der Spielzeit könnte für einen Großteil der Vereine zu einer ernsthaften Zerreißprobe werden und vor allem die Teams der unteren Ligen, in denen das Deficit-Spending ohnehin zum guten Ton gehört, stehen sprichwörtlich vor dem Abgrund. Betroffen währen von den Insolvenzen nicht nur Vereine als Unternehmen, welche von der Bildfläche verschwänden, sondern sie hätten auch weitreichende Folgen für zahlreiche Einzelpersonen. Seien es die Angestellten der Vereine, welche vor allem im Bereich der Spieltagsabwicklung prekär beschäftigt sind, oder die indirekt betroffenen Arbeitnehmer*innen in Gastronomien, Hotels etc.

Trotzdem sprechen wir uns entschieden gegen eine Weiterführung der aktuellen Saison in Form von Geisterspielen aus. Eine schnelle Weiterführung der Spielzeit könnte zu einer Verharmlosung der Pandemie im öffentlichen Diskurs führen, was vor allem jetzt, wo sowieso immer mehr Stimmen aus dem politisch rechten- und Querfront Lager die Maßnahmen kritisieren, zu einer zunehmenden Gefährdung der Gesellschaft führen kann. Hierbei ist es uns wichtig, dass unsere Argumentation aus einer humanitären Perspektive verstanden werden soll. Den Gedanken des Erhalts eines vermeintlichen Volkskörpers bzw. der gesellschaftlichen Fähigkeit zur Kapitalproduktion weisen wir entschieden zurück. 

Laut Schätzungen werden bis zum Ende der, im Moment noch, laufenden Saison, ca. 20.000 Tests für eine engmaschige Überwachung des gesundheitlichen Zustandes der Spieler benötigt. Zwar verkrafte die Kapazitäten des deutschen Gesundheitssystems dies laut offiziellen Angaben, zeugt jedoch von der selbstüberschätzenden Rolle, welche der Profifußball, hauptsächlich repräsentiert durch DFL und DFB, derzeit versuchen einzunehmen. Auch alle anderen Unternehmen, ob systemrelevant oder nicht, sind derzeit dazu verpflichtet diese Regulierungen einzuhalten, warum nicht also auch der Fußball. Zudem wurde in allen deutschen Profiligen, egal welcher Sportart, der Spielbetrieb eingestellt. Auch wenn wir normalerweise nicht wirklich Mitleid mit überbezahlten Profisportlern haben, wäre dies eine nicht hinnehmbare Gefährdung von Arbeitskräften. Denn aus wirtschaftlicher Perspektive sind diese ebenso Humankapital zur Verrichtung von Arbeit und Produktion von Mehrwert. Dass sie deutlich weniger existenzielle Ängste fürchten müssen und die Infektionsgefahr in Relation zu Angestellten in relevanten Sektoren weitaus geringer ist, dürfte jedoch selbsterklärend sein. 

Spannend bleibt es zu sehen, was nach Corona kommt. So manch Fußballromantiker*in würde sich wahrscheinlich einen Kollaps der Bundesliga wünschen, aus dessen Asche eine neue Liga entsteht, die aus ihren Fehlern gelernt hat.  Mit Vereinen, welche sich wieder ganz und gar dem Fußball verschreiben. Das dies durchaus Funktionieren kann, zeigen „Projekte“ wie Chemie Leipzig, Austria Salzburg und Katamon Jerusalem. Realistischer dürften jedoch Szenarien sein wie ein „Solidaritätszuschlag“ nach bundesdeutschem Vorbild oder eine Reformation der Verteilungsprinzipien von TV-Geldern etc.

Der Fußball ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, das muss man anerkennen, egal ob einem dies jetzt passt oder nicht. Hierdurch trägt er auch eine gewisse Verantwortung. Würde man die Bundesliga nun weiter führen, würde man ein falsches Signal an die Bevölkerung senden und die Pandemie verharmlosen. Die Corona-Krise hat das Potenzial für ein Umdenken in der Fußballindustrie zu sorgen und stellt Millionengehälter, astronomische Ablösesummen und Abhängigkeit von TV-Sendern infrage. Zudem wird wieder einmal deutlich wie sehr die Kapitalinteressen der Vereine, Verbände und Ligen mittlerweile ausgeprägt sind, dass hierfür eine so schwerwiegende Gefährdung der öffentlichen Sicherheit billigend in Kauf genommen werden. Dass dies schon etwas länger der Fall sein dürfte, zeigt zum Beispiel der Blick auf die Baustellen der WM Stadien in Qatar, so unverblümt menschenfeindlich und sozialdarwinistisch zeigte sich der Profifußball jedoch selten und unterstreicht hiermit noch einmal die Gefahren und Ungleichheiten des neoliberalen Zeitgeistes. 

Sollte es tatsächlich zu einer Weiterführung der Bundesliga kommen, wollen wir alle unserer Leser*innen zum Boykott der verbleibenden Spielzeit ermutigen. Auch wenn Unternehmen wie Sky und Dazn die Übertragungen vermutlich kostenfrei der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen werden, sind es trotzdem Sie, die von einer Weiterführung der Saison profitieren und allgemein durch ihre Kapitalinteressen maßgeblich zu einer Zerstückelung von Spieltagen beitragen und damit mehr oder weniger indirekt den Fußball zunehmend unattraktiver für organisierte Fans machen.

Corona con noi, Eingesperrte mit uns!

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