USA! USA! – Über Gender-Pay-Gap und die Rolle der Frau im Profifußball

Am Freitag dem 1.Mai 2020 wies das Bezirksgericht von Zentralkalifornien eine Teilklage der US-Amerikanischen Nationalmannschaft ab, mit der die Spielerinnen derzeit gegen ihren eigenen Verband um Schadensersatz streiten. Im Folgenden versuchen wir die wichtigsten Ereignisse dieses seit nunmehr 4 Jahren anhaltenden Konflikt zu dokumentieren und zu skizzieren, warum dieses Urteil von besonderer Bedeutung für den Diskurs um den „Frauenfußball“ ist, sowie für die allgemeine Rolle der Frau im Kapitalismus.

Quelle: Twitter/Carli Lloyd

Vorher aber ein paar grundlegende Dinge. Wir wollen uns in diesem Artikel keinesfalls anmaßen eine Handlungsempfehlung für FLINT* im Fußball zu formulieren. Alleine aufgrund der Tatsache, dass Teile der Redaktion bis dato noch nicht mit systematischem Sexismus zu kämpfen hatten, nimmt uns die Möglichkeit alle Perspektiven mit einzuschließen. Zudem verzichten wir im Folgenden auf den Präfix Frauenfußball, da dieser unserer Auffassung nach die männliche Machtdominanz im Sport verstärkt und zu einem Othering von Spieler*innen beiträgt.

Nach dem souveränen Sieg der US-Auswahl bei der WM 2015, kehrten sie mit großem Selbstvertrauen in die Heimat zurück, um das einzufordern, was den Spielerinnen ihrer Auffassung nach zustand – Eine faire Bezahlung. In Anbetracht der weiteren Turniersiege der Amerikanerinnen bei der Copa America 2018 und der WM 2019 in Frankreich, war davon auszugehen, dass sich die Spielerinnen in einer guten Ausgangslage für die Verhandlungen befanden. Dieser Einruck verstärkt sich, wenn man sich die sportliche Irrelevanz der USA-Männer zu dieser Zeit vor Augen führt, die eine verpatzte WM Teilnahme 2018 und einen, im Vergleich zur Erfolgsgeschichte der Frauen zur selben Zeit, eher mageren 4. Platz bei der Copa America 2016.

Die Teilklage in Bezug auf ungleiche Bezahlung wurde nun abgelehnt. Begründen tut Richter Gary Klausner diese Entscheidung vor Allem mit einem, von der United States Soccer Federation veröffentlichten, Papier in welchem die Zahlungsflüsse an die beiden Teams offengelegt und verglichen werden. Dem Zufolge wurden im Zeitraum der Klage, also von 2015 bis 2019, den Frauen im Schnitt sogar 8.000$ mehr ausgeschüttet als ihren männlichen Kollegen. Weiter, so argumentiert Klausner, hätten die Spielerinnen die Möglichkeit auf ein ähnliches Finanzierungsmodell wie das Männer-Team gehabt, entschieden sich in den Verhandlungen jedoch gegen dieses, hauptsächlich auf Prämien basierende Modell. Aus diesen Gründen sei keine Diskriminierung zu erkennen. Wer sich hierzu weiter belesen möchte, tut dies am besten bei ESPN.

Während die Argumentation auf den ersten Blick recht schlüssig erscheint, macht ein Blick in die Statistik das ganze etwas weniger eindeutig. Im gegebenen Zeitraum bestritten die USA Frauen 106 Länderspiele, während die Männer grade mal zu 79 Spielen antraten. Hinzu kommt eine Verteilung an Ergebnissen, welche unterschiedlicher nicht sein könnte. Für die Debatte um faire Löhne bedeutet dies also, dass die Männer auf dem Papier zwar tatsächlich weniger vergütet wurden als ihre Kolleginnen, dies jedoch nicht auf die vertraglichen Bedingungen zurückzuführen ist, sondern schlichtweg auf ihren fehlenden, sportlichen Erfolg, welcher sie am Erwerb von Auflauf- und Teilnahmeprämien für internationale Turniere etc. hinderte. Hätten sie in dieser Zeit erfolgreicher gespielt, so ist davon auszugehen, dass sie auch mehr verdient hätten.

Wie also umgehen mit diesem Problem? Wie vielschichtig dieses ist, zeigt sich vor allem mit Blick auf die Einnahmen der FIFA als Veranstalter der Weltmeisterschaften und deren Vergabe von Bonuszahlungen an Spieler*innen und Mannschaften. Dieses System bevorzugt eindeutig die Männer. Zwar werden bei der WM der Frauen* prozentual größere Anteile der erwirtschafteten Gewinne ausgeschüttet, so übersteigen die Prämien der Männer dies trotzdem um ein Vielfaches. Während Frankreich für den Titelgewinn 2018 beispielsweise knapp 40 Millionen Dollar als Bonus erhielten, waren es bei der USA im Jahr darauf lediglich 4 Millionen.

Doch wir wollen uns hier nicht in der „FIFA Football Mafia“ Polemik verlieren. Denn so fragwürdig und undurchsichtig viele Entscheidungen vonseiten des Fußall-Weltverbandes sein mögen, handelt es sich auch hier um eine Angelegenheit, bei der eine Schuldzuweisung zur Verkürzung der Problematik führen würde. Denn auch die FIFA ist ein Unternehmen, welches mit seinen Projekten Gewinne erzielen muss, um fortbestehen zu können. Würde man ähnliche Summen für die Spieler*innen auszahlen, so würde dies die gesamten, durch das Turnier erwirtschafteten Einnahmen in Beschlag nehmen.

Trotzdem zeugt dies von einer ungleichen Rollenverteilung der Geschlechter im Sport. Wie auch in unserem Artikel über Corona und Geisterspiele, geht es uns hierbei nicht uns mit überbezahlten Sportler*innen zu solidarisieren, sondern auf einen generellen Missstand aufmerksam zu machen. Ohne die Frage nach den Hintergründen, warum der „Frauenfußball“ so wenig rentabel ist, lässt sich die derzeitige Lage nicht erfassen. Dies kann auf eine Reihe von Ursachen zurückgeführt werden.

In der Öffentlichkeit hat sich seit der Einführung des Fußballs als Breitensport ein Bild entwickelt, welches es zu einem kämpferischen Männersport stilisiert. Durch ebenjene Inszenierung, in Verbindung mit der gesellschaftlich konstruierten Rolle der Frau, welche ihr u.A. die Attribute der körperlichen Schwäche zuschreibt, verliert die öffentlichkeitswirksame Ausübung des Sports an breitem Interesse und Legitimität. Dass diese Annahme immer noch nicht auf Ewigkeit auf der Mülldeponie der menschlichen Hirngespinste entsorgt wurde, zeigt ein Vorfall aus dem USWNT vs. USSF Rechtsstreit, in dem der damalige vorsitzende Carlos Cordeiro ein unterschiedliches Maß an Bezahlung damit rechtfertigte, dass es mehr „Können und Verantwortung“ bedarf um für die Männer-Nationalmannschaft zu spielen als für die der Frauen. Cordeiro wurde für seine Aussagen von Spieler*innen, der Presse und Sponsoren stark kritisiert und sah sich gezwungen, sein Amt niederzulegen. Doch der von ihm vertretene Gedanke, dass Frauen weniger leistungsfähig zu sein scheinen, bleibt nach wie vor in vielen Köpfen erhalten. Diese Annahme konzentriert sich jedoch nicht nur auf die Frau im Profisport, sondern findet auf dem restlichen Arbeitsmarkt ebenfalls großen Zuspruch. Äußern kann sich dies durch Gender-Pay-Gaps wie unserem Beispiel, oder durch erschwerte Zugangsvoraussetzungen für Jobs etc. An dieser Stelle offenbart sich auch eine gefährliche Verwertungslogik, welche die persönlichen Freiheiten und den „Wert“ des Menschen an seiner konkreten oder sogar nur angenommenen Fähigkeit zur Kapitalproduktion bemisst. Hierbei muss zudem beachtet werden, dass die im Privaten geleistete und unbezahlte Reproduktionsarbeit aufgrund der gesellschaftlich konstruierten Geschlechterrollen.

Durch die Idee von Fußball als „Männersport“ im spezifischen und patriarchalen Unterdrückungsmechanismen im Allgemeinen, kommt es zudem weltweit zu einer sehr ungleichen Förderung von Talenten, wodurch sich auch die spielerischen Qualitäten der Geschlechter stark unterscheiden und dem „Frauenfußball“ in der gesellschaftlichen Wahrnehmung die Möglichkeit genommen wird zu wachsen.

Zu einem weiteren Gefälle zwischen Mann und Frau im Profifußball führt der stetige Leistungszwang, den der Wettkampf mit sich bringt. Vergleicht man Aufnahmen von Fußballspielen aus den 1900er Jahren mit denen von heute, so dürfte selbst einem Laien auffallen, dass das Spiel anspruchsvoller geworden ist. Hieran gewöhnen sich auch die Zuschauer*innen. Als Teil eines Teams aus Männern, ist es aufgrund der organisatorischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten möglich bis in die unteren Ligen hinein entweder teilweise oder komplett von erspielten Gehältern zu leben. Frauen wiederum ist dies nur in den Topligen, und dort nicht einmal flächendeckend möglich, viele von ihnen müssen weiterhin der Lohnarbeit nachgehen, neben der von ihnen verübten Reproduktionsarbeit. Hierdurch ist es für männliche Profis um ein vielfaches einfacher sich spielerisch zu steigern als für Frauen.

Die USA, neben weiteren Ländern wie Kanada und Australien, dürften hier eine Ausnahme darstellen, welche jedoch trotzdem die Regel bestätigen. Durch eine Breite Auswahlmöglichkeit an körperbetonten Sportarten, welche vor allem sich als Mann verstehende Menschen ansprechen, hat sich in der Öffentlichkeit ein Bild von Fußball als „Frauensport“ entwickelt. Hierdurch können die Frauen-Teams auf einen größeren Player-Pool zurückgreifen. Dies hinderte jedoch den ehemaligen USSF-Vorsitzenden nicht daran, die ungleiche Bezahlung mit diesem fadenscheinigen Argument zu begründen.

Eine Entscheidung über die weiteren Punkte der Klage, der ungleichen Behandlung bei Reise und Versorgung, steht derzeit noch aus.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass sich die ungleiche Behandlung von Frauen im Profisport auf eine vielschichtige Kombination aus Kapitalinteressen, patriarchaler Unterdrückung und Konstruktion von gesellschaftlich legitimierten Geschlechterrollen zurückzuführen ist. Außerdem muss in Bezug auf den Rechtsstreit beachtet werden, dass dies zwar eine Aktion mit großer Signalwirkung sein kann, die konkrete Entscheidung sich jedoch nur auf eine sehr kleine und spezifische Gruppe auswirken wird. Dies macht es für den allgemeinen Diskurs zwar nicht weniger relevant, sollte aber nicht als Lösung des Problems abgetan werden.

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